[campaigns] produkte aus dem hause rolux
Inke Arns
inke@snafu.de
Tue, 08 Jan 2002 23:19:33 +0100
Hallo,
hier ein Artikel von Vali Djordjevic ueber rolux.org, eins der - wie ich
finde - derzeit interessantesten Netzprojekte. Inhaltlich und formal sehr
inspirierend, auch fuer etwaige Kampagnenformate. Sebastian war auch beim
Campaigning Workshop & wird hoffentlich auch bald auf diesem Kanal zu uns
stossen.
Gruss, Inke
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N=FCtzliche Tools f=FCr den Netzintellektuellen
Vali Djordjevic 23.07.2001
Minordomo und textz.com aus dem Hause ROLUX
Das Berliner Internet-Projekt ROLUX [0] verfolgt in den drei Jahren seines
Bestehens die Entwicklungen in den Neuen Medien von Websites und Texten bis
zu Veranstaltungen. Zwischen Netzdiskurs und Offline-Welt angesiedelt
bietet ROLUX alternative Lebens- und Denkweisen, die den Mehrheitsdiskurs
von Verwertbarkeit und Profitstreben um eine gemeinschaftliche, linke
Gesellschaftskritik [1] erg=E4nzen. In diesem Jahr starteten gleich zwei
Projekte, die einen Kommentar zu virtuellen Gemeinschaften, geistigem
Eigentum und Netz abgeben, aber gleichzeitig auch ganz praktischen Zwecken
dienen.
Die Netzkritik sollte Websites machen, statt zu kritisieren. Oder aber
Netzkritik wie Websites machen. Sebastian L=FCtgert: Einfuehrung in eine
wahre Geschichte des Internet [2]
Es ist es wichtig, dass sich Projekte in einem Kontext befindet und dass
dieser Kontext auch thematisiert wird, sagt Sebastian L=FCtgert, der
Betreiber von ROLUX. ROLUX geh=F6rt zu den unabh=E4ngigen kleinen
Netzprojekten, die sich im Berlin der 90er Jahre mit seinen leerstehenden
Geb=E4uden und verlassenen Gel=E4nden im Umfeld von Clubs und Bars, Kunst un=
d
elektronischer Musik gebildet haben. Dazu geh=F6rt unter anderem auch mikro
[3] e.V., das Bootlab [4], wo sich auch L=FCtgerts Arbeitsplatz befindet,
Veranstaltungen wie last tuesday, der inzwischen geschlossene Club
DaimlerChrysler, aber auch das virtuelle Umfeld der Mailinglisten wie
nettime [5] und rohrpost [6].
Die ROLUX-Website nimmt das Netzwerkprinzip als Strukturprinzip. Auf der
ROLUX-Homepage sind unterschiedlichste Projekte gleichberechtigt
nebeneinander angeordnet - Partner gegen Berlin, Real, allemagne ta gueule
ca suffit, Auseinander, a.s. ambulanzen, Rolux, luxor, urlxo, kleine
Scherze wie "this is not a link" oder "this is not an icon" stehen Seite an
Seite und bilden ein Netzwerk des Gleichen. Hierarchien gibt es nicht, der
Besucher wei=DF nicht, ob hinter einem Projektnamen nur ein kleiner Kommenta=
r
zu der Konsolidierungsdebatte in der Netzkunst steckt ("classics of
net.art") oder eine ganze Site wie zum Beispiel das Textwarezprojekt [7].
Der Vorteil am Programmieren ist, dass das, was man geschrieben hat, sofort
Auswirkungen hat. Beim Texte schreiben passiert oft gar nichts. Man sitzt
stunden- manchmal tagelang vorm Rechner und =FCberlegt sich was und versucht=
,
es m=F6glichst passend zu formulieren. Dann ver=F6ffentlicht man auf einer
Mailingliste oder in einem Magazin und erh=E4lt keine Reaktion. Beim
Programmieren hingegen wird der geschriebene Code ausgef=FChrt und man sieht
sofort, ob das Programm so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat
oder nicht. Die oft =FCbliche Arbeitsteilung zwischen Programmierern auf der
einen und denen, die den Inhalt der Webseiten machen (um hier nicht das
bl=F6de Wort "content provider" schreiben zu m=FCssen), ist in vieler Hinsic=
ht
unbefriedigend. Sie schafft Differenzen und verhindert Kommunikation, die
der Weiterf=FChrung des Projektes "Netzkritik" nicht dienlich ist. Daher
bewegt sich L=FCtgert auch zwischen diesen beiden T=E4tigkeiten, die sich
gegenseitig befruchten und andere Zusammenh=E4nge erschlie=DFen, als die
Beschr=E4nkung auf ein Feld es m=F6glich machen w=FCrde. So verkoppeln die
Projekte von ROLUX immer diese Bereiche zu neuen Ausdrucksformen.=20
=20
minordomo
Mailinglisten sind vielleicht das wichtigste Werkzeug bei der Vernetzung
von alternativen =D6ffentlichkeiten. nettime [8], rhizome [9], syndicate
[10], um nur einige zu nennen, spielen eine nicht mehr wegzudenkende Rolle
in der kulturellen Netzlandschaft. Die Rolux-Mailingliste bezeichnet sich
als Liste "for the advancement of minor criticism". Dabei ist nicht
gemeint, dass es um geringf=FCgige Kritik geht, sondern um Kritik, die sich
selbst in der Minderheit befindet. "rolux.org selbst ist entsprechend ein
netzwerk zur befoerderung von "critical minorities", also kritischer
minderheiten. kritisch hat dabei immer auch eine bedeutung wie in
'kritischer zustand'", meint L=FCtgert.
So hei=DFt das Programm, das die Rolux-Liste verwaltet, in Abwandlung auf da=
s
h=E4ufig verwendete Programm "Majordomo", nat=FCrlich "Minordomo". Das ist a=
uch
der Name des neuen Dienstes, den rolux vor zwei Wochen auf den
einschl=E4gigen Mailinglisten ank=FCndigte. Minordomo [11] ist nicht nur ei=
n
Programm f=FCr die Verwaltung von Mailinglisten, das man auf seinem Server
installieren kann, so man denn einen hat, sondern bietet die M=F6glichkeit
=FCber ein Webinterface selbst Listen einzurichten. Damit stellt es eine
Alternative zu kommerziellen Anbietern wie eGroups dar. Nicht nur dass
Minordomo viel besser aussieht, es ist auch freie Software, die von den
Usern gemeinschaftlich weiterentwickelt werden soll. Das Programm selbst
ist komplett in php 4 geschrieben und ben=F6tigt keine zus=E4tzliche Softwar=
e
oder eine darunterliegende Datenbank, was die Installation sehr einfach
macht. Bisher wird der Server bei einem kommerziellen Anbieter gehostet und
von bootlab.org betrieben und bezahlt. Der Umzug auf einen befreundeten
Host ist allerdings schon geplant. Wenn mehr Listen den Traffic in die H=F6h=
e
treiben, was an sich eine gute Sache w=E4re, wird man sich um zus=E4tzliche
Finanzierung in Form von Sponsoring oder F=F6rdergeldern k=FCmmern.
"we are the & in copy & paste"
textz.com [12] ist eine Warez-Datenbank f=FCr Texte. Man findet Texte mit un=
d
ohne Copyright, fiktionale und theoretische Texte, Manifeste und
Songlyrics. Da steht Theodor W. Adorno neben der autonomen Afrika-Gruppe,
Douglas Adams neben Klaus Theweleit. Die Texte stammen aus verschiedenen
Quellen. Sie werden entweder von den Autoren selbst eingereicht, als freie
im Netz kursierende Texte von Mitwirkenden in die textz.com-Datenbank
eingespeist oder von mit Scannern und Texterkennungssoftware best=FCckten
Usern vom Analogen Medium Papier in digitale ASCII-Files umgewandelt. "1
month 4 weeks 1 day 16 hours 56 minutes 33 seconds of plain ascii available
in 491 files" steht in der Ecke der Website und die Betrachterin fragt
sich, wie das nur gemessen worden kann. Das ist nat=FCrlich eine Anspielung
auf das Projekt Radio Internationale Stadt [13] und das Open Video
Archive [14] von Thomax Kaulmann [15], das einen =F6ffentlich verf=FCgbaren
Real Audio bzw. Real Video Server f=FCr unabh=E4ngige Projekte zur Verf=FCgu=
ng
stellt, allerdings nicht im Sinne von Warez wie bei textz.com, sondern als
gemeinsam nutzbare Ressource f=FCr Projekte, die sich ansonsten keinen
Streaming-Server leisten k=F6nnten.
Die Auswahl der Texte bei textz.com [16] ist vom Projekt Gutenberg [17] so
weit entfernt wie nur m=F6glich. Es geht hier nicht darum, Texte, auf die
kein Copyright mehr besteht, verf=FCgbar zu machen und damit, gewollt oder
ungewollt, einem bildungsb=FCrgerlichen Kanon Vorschub zu leisten. Es geht u=
m
Widerstand:
"intellectual, digital and biological property -- cornerstones of the new
regimes of control -- are the direct result of organized corporate piracy.
they are not only replacing such obsolete notions as freedom, democracy,
human rights and technological progress. all these new forms of ownership
are, in the first place, attempts to expropriate people's work, data and
bodies -- just as the they begin to acquire, for the first time in history,
the technical means to organize them differently." a.s. ambulanzen: napster
was only the beginning. an introduction to textz.com [18] [v0.5]
Eine Gesellschaftskritik im Sinne von Sprechen/Schreiben =FCber Politik,
Medientheorie oder Cultural Studies ist in der Zeit von globalen
Werbekampagnen multinationaler Konzerne und weltweiter Vermarktung nicht
mehr sinnvoll, da jeder Widerstand sofort vereinnahmt und in den Kreislauf
der Werbebilder eingespeist wird. Eingreifsstellen erscheinen woanders, zum
Beispiel in den Netzwerken der Filesharing-Gemeinschaften um Napster,
Gnutella & Co. Obwohl die Musikindustrie Napster als ihr wichtigstes
Feindbild HTTHTTH kleingekriegt hat [19], war es derjenige Dienst, der den
Tausch copyrightgesch=FCtzten Materials ins Bewusstsein der =D6ffentlichkeit
gebracht hat. Bei Texten zeigt sich das Konzept mit sehr viel weniger
Virulenz. Bisher haben sich noch keine Anw=E4lte mit "Cease and
Desist"-Briefen an L=FCtgert gewandt, der im Falle des Falles entscheiden
wird, wie er darauf reagieren wird. =DCberhaupt ist textz.com [20] nur ein
Archiv, in dem die in diversen Filesharing-Programmen kreisenden
Textdateien, die gegen=FCber mp3 nur einen Bruchteil der Datenmengen
ausmachen, gesammelt werden.
Der textz.com-Newsticker hat seinen Weg von textz.com auch in alle anderen
ROLUX-Projekte gemacht. Dabei werden die Titelzeilen verschiedener
Newsdienste und Tageszeitungen, wie CNN, BBC, El Pais, New York Times,
Tagesschau, Der Spiegel und einige andere, ausgelesen und per Laufschrift
auf den unteren Rand des Bildschirms gebracht. Die Vereinnahmung der
Informationen der herrschenden Informationsh=E4ndler durch ein Warezprojekt
macht darauf aufmerksam, dass Information auch nur eine Ware ist und in
dieser Funktion materiell wird und ihren Geldwert hat. Sp=E4testens wenn man
die auf den Punkt des Infotainment gebrachten thema1.de-Schlagzeilen
ansieht, sollte man die Konstruiertheit dessen, was uns von der Presse als
objektive Nachricht verkauft wird, erkennen. Die =DCbernahme von Logos und
Textbausteinen der "Mehrheitskultur" und ihre neue Zusammensetzung f=FCgt
dabei einen Kommentar ein, der den Anspruch "Websites wie Netzkritik zu
machen" vollstens erf=FCllt. Die Websites von ROLUX sind immer auch eine
Kritik der herrschenden Verh=E4ltnisse im Netz. Dazu aber bieten sie eine
durchaus praktischen Mehrwert.
Links
[0] http://www.rolux.org
[1] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/on/3369/1.html
[2] http://rolux.org/intro/main.html
[3] http://www.mikro.org
[4] http://bootlab.org
[5] http://www.nettime.org
[6] http://www.mikro.org/rohrpost
[7] http://textz.com
[8] http://www.nettime.org
[9] http://www.rhizome.org
[10] http://colossus.v2.nl/syndicate/
[11] http://minordomo.org
[12] http://textz.com
[13] http://orang.orang.org
[14] http://ova.zkm.de
[15] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/sa/3590/1.html
[16] http://textz.com
[17] http://gutenberg.aol.de
[18] http://www.nettime.org/rohrpost.w3archive/200103/msg00086.html
[19] http://www.wired.com/news/business/0,1367,45364,00.html
[20] http://textz.com
Artikel-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/on/9142/1.html
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