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Thu, 09 May 2002 21:28:10 +0200


n0name newsletter Spezial Capitale Do., 09.05.2002 21:55 CET

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8 KB, ca. 3 DIN A4-Seiten=20


Interview mit Andreas Siekmann ueber seine Nicht-Teilnahme bei der=20
Documenta11.

n0name: Du bist zur Documenta11 in Kassel eingeladen worden.=20

Andreas Siekmann: Ich bin angefragt worden. Ich habe einen Film ueber=20
Kassel gemacht, "Perle Provinz". Im Januar wurde ich angerufen und=20
gefragt, ob ich den Film zu dieser sehr diffus erscheinenden=20
Organisation hinschicke. Es wurde aber nicht gesagt zu welchem Zweck.=20
Du weiszt erstmal nicht, wer dein Verhandlungspartner ist. Diese=20
Organisation ruht so selbstgefaellig in sich, dasz sie sich personal=20
gar nicht zu erkennen gibt. Sie sagt einfach: Schick mal dein Material=20
herueber. Das ist die erste berufliche Zumutung. Die zweite Zumutung=20
ist, dasz man nicht als Person oder als Team angesprochen wird, weil=20
es nicht mehr um Subjekte geht, sondern man wird als Element, als=20
Teil einer Weltkultur gefragt. Man kriegt nicht raus, wie das Konzept=20
aussieht.=20
Gibt=B4s ueberhaupt ein Konzept? Wer ist verantwortlich? Dann wird man=20
fuer die Kasseler Plattform angesprochen, das ist die lokale,=20
kritische Ebene innerhalb der Documenta. Aber es ist schon klar,=20
wie grosz die Verbindlichkeit gegenueber der Restausstellung ist und=20
wie sehr die Plattform dann doch zu dieser Kunststadtideologie=20
beitraegt. Das ist eine Symbolmaschine, gegen die auch das=20
kritischste Engagement nicht ankommt. Und wenn ich mich kritisch=20
engagiere, wie zum Beispiel gegen die deutschinternationale=20
Ausstellung "Manifesta", parallel in diesem Jahr in Frankfurt, dann=20
tu ich das selbst. Ich will nicht kuratiert werden.

nn: Wie hast Du auf diese anfaengliche Diffusitaet reagiert?=20

AS: Ich wollte dann ein Konzeptpapier haben, um eine=20
Verbindlichkeit zu erlangen. Wenn man dort anrief, gab es sofort=20
eine Weiterleitung zu Enwezor. Der fragte dann immer: Was willst=20
du? Und ich sagte: Ich will ein Konzeptpapier. Das gab es aber=20
nicht. Stattdessen bekam ich eine ganz normale Pressemitteilung,=20
wo dann das documenta-Stadt- Kassel-Flanerie-blabla draufsteht, aber=20
nichts darueber, was sie mit der Herangehensweise an so einen Film=20
von einem selbst eigentlich wollen. Da wurde nie etwas verbindlich,=20
es ging immer nur um Events und ein Rahmenprogramm. Es gibt ja=20
eine Staffelung des Programms. Du hast diese Megaprojekte, dann=20
die Plattform und schlieszlich noch die Ausstellung. Und man=20
erwartet von mir, als nicht in Kassel lebender Kuenstler, dasz ich=20
in irgendeiner Form so einen authentischen sozialen und auch=20
kritischen Teil bespiele. Dabei mache ich ziemlich viel in anderen=20
Staedten.
Es wurde auch der Vorwurf formuliert, dasz ich mich permanent=20
selbst marginalisiere. Das finde ich irre. Ich entscheide mich aus=20
politischen Gruenden dagegen, weil hier auf einer rein formalen=20
Ebene eine Identitaet dargestellt werden soll, die sich zum Beispiel=20
von den Marketing-Projekten eines Bernd Leifeld ueberhaupt nicht=20
abgrenzt. Der Zugriff auf die Kuenstler erfolgt nicht inhaltlich,=20
orientiert sich nicht daran, was die Leute eigentlich machen, sondern=20
man greift Produktionen ab, die irgendetwas mit der Welt zu tun haben=20
oder hatten. Man sieht ja auch wie die Medien reagieren, dasz es=20
um eine Kassel-Identitaet geht, so aehnlich wie mit der=20
Zeitgeist-Ausstellung in den 80er Jahren, als die Jungen Wilden=20
positioniert wurden. Das ist jetzt der Gegenpol zur Saatchi-Collection,=20
die Young German Art.

nn: Dein Job waere also gewesen, eine kritische Performance zu=20
liefern und damit das Projekt insgesamt nochmal aufzuwerten. Aha,=20
der Kritische ist ja auch dabei.

AS: Ich sehe mich erstmal nicht als Kuenstler. Wenn ich einen Film=20
ueber Kassel mache, dann laeuft der auch in anderen Kontexten. Ich=20
will mich nicht auf eine Buehne begeben, auch nicht mit einer=20
Kritik, die letzten Endes nur die Identitaet von einem will. Da=20
kommt man dann nicht mehr raus. In der gesamten Documenta geht=20
es nicht um inhaltliches Engagement, sondern es geht nur um eine=20
Zugriffsberechtigung. Es geht nicht um das Interesse an den=20
Inhalten der Arbeit, an der Art und Weise, wie man arbeitet, sondern=20
nur um die Zugriffsmoeglichkeit. In den Medien werden zur Zeit=20
die einzelnen Kuenstler per Portrait vorgestellt. Die stehen dann=20
alle vor spezifisch Kasseler Gebaeuden, vor dem Herkules, vor dem=20
Museum Fridericianum usw. Die lassen sich alle so abbilden, was mich=20
ein biszchen wundert. Es waere konsequenter gewesen, dasz sich jeder=20
mit einem Portrait von Enwezor fotografieren laesst. Weil das ist=20
doch das einzige Bild, das man bisher von dieser Documenta hat.=20
Dasz jeder Kuenstler dokumentiert, ich bin ein Enwezor, zwei Enwezor=20
usw., um einfach mal klar zu machen, worum es hier geht: Dasz hier=20
eine kuratorische Machtposition gestaerkt werden soll und nicht eine=20
kritische Produktion.=20
Es gibt mittlerweile eine oeffentliche Dynamik der gesetzten=20
Symbole, die ist so grosz, dasz du nicht dagegen ankommst. Kassel -=20
documenta-Stadt - Kulturhauptstadt - Kunsthauptstadt - Kunstevent -=20
und irgendwann kommt Spasz.

nn: Was sind Deine kuenstlerischen Beweggruende, nicht daran=20
teilzunehmen?=20

AC: Ich lehne es ab, an solch populistischen Konzepten teilzunehmen.=20
Ich nenne das Schroederkultur.=20

nn: Was meinst Du mit Populismus?=20

AS: Du hast keine Moeglichkeit zu differenzieren. Es liegt eine=20
unglaubliche Grobheit in solchen Konzepten. Du bemuehst dich als=20
Mensch um ganz differenzierte Inhalte und beschaeftigst dich damit,=20
wie du die, auch mit Spasz, rueberbringst. Das ist fuer mich ein ganz=20
wichtiger Aspekt von Kunst. Eine Form von Reflektionsvermoegen, von=20
Feinheiten und Differenzierungen. Rutschbahnen konnte man in den 80er=20
Jahren machen, als es noch darum ging, mit Popmitteln eine=20
Hochkulturkunst aufzubrechen. Aber dieser 80er-Pop ist jetzt so=20
spannend wie Westernhagen, wenn er fuer die SPD rockt: Sei so pompoes=20
und unsexy wie der Potsdamer Platz, sei wie das Cats-Musical.
Kulturauftraege werden ideologisch verschoben, um einen toten Punkt=20
zu ueberwinden. Kultur musz jetzt konstruktiv sein. In dieser alles=20
homogenisierenden Kampagnenkultur, wird Kunst dafuer eingesetzt,=20
Widersprueche zu ueberwinden: Es geht voran. Die Kuenstler sind so=20
schoen ahistorisch. Sie haben das Stigma der Globalisierung=20
ueberwunden, usw. Bei den Sachen, die jetzt hier verhandelt werden,=20
wird bestenfalls noch der Spasz als Zynismus interpretiert. Dann wird=20
der Spasz gegen einen veralteten, idealistischen Kunstbegriff=20
ausgetauscht. Es ist ja nicht Spasz, sondern Kunst. Es wird von=20
einer solchen Ausstellung voellig verschleiert, dasz gerade im Moment=20
auch viele Kunstproduktionen gemacht werden, die versuchen, die=20
Widersprueche herauszufinden. So etwas kommt hier gar nicht vor.=20
Kann es nicht und soll es auch nicht. Es ist wichtig zu verstehen,=20
dasz wir nicht von auszerhalb sprechen, von irgendeiner Insel, die=20
mit alldem grundsaetzlich nichts zu tun hat. Wir stehen mittendrin.=20
Und weil wir mittendrin stehen, koennen wir auch sagen: Schau dir=20
die Kunstwerke an, die nun das langweilige Bistrodesign der Kasseler=20
City fortsetzen. Schau dir die Sachen an, die kleinlaut Britpop=20
imitieren. Schau dir den Oberbuergermeister Lewandowsky an, der sein=20
Sparbuch sicherlich schon gewechselt hat und nun statt bei der=20
Kasseler Bank bei der Sparkasse auf dem Schosz sitzt. Dieses Konzept=20
ist scheisze.

Interview: Xaver Schulz

(?) n0name 2002

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