[rohrpost] Christoph Spehr: Das Leben nach dem Tod in der Matrix

geert lovink geert at desk.nl
Mit Jun 4 08:23:12 CEST 2003


Christoph Spehr: Das Leben nach dem Tod in der Matrix

Cyberpunk im Kino

"While alive be a dead man,
thoroughly dead,
and act as you will
and all is good."

Bunan, Zen-Meister des 17.Jahrhunderts

"Sie haben mich einmal gefragt", sagte O'Brien, "was in Zimmer 101 wäre.
Ich sagte, Sie wüssten die Antwort bereits. Jedermann weiß sie. Was einen
in Zimmer 101 erwartet, ist das Schlimmste auf der Welt ... Das Schlimmste
auf der Welt ist individuell verschieden. Es kann lebendig begraben sein
... oder fünfzig andere Todesarten. Es gibt Fälle, in denen es eine ganz
nichtssagende, nicht einmal todbringende Sache ist." Für Winston, den
Rebellen wider Willen in Georg Orwells 1984, sind es Ratten. Aber 101 ist
auch die Zimmernummer des Appartments eines gewissen Thomas Anderson, der
an seinem Computer einschläft auf der Suche nach der Frage, "Was ist die
Matrix" - jenes Thomas Anderson, der noch nicht weiß, dass er Neo ist,
"the One", die Schlüsselfigur im Kampf gegen die Maschinen und ihre
Agenten. Für Thomas Anderson ist das Schlimmste auf der Welt die
Scheinexistenz seines bürgerlichen Daseins. Es ist die quälende
Ungewissheit, dass "mit der Welt etwas nicht in Ordnung ist", dass die
wirkliche Welt eine andere ist, zu der er den Zugang nur erahnen, aber
nichts selbst finden kann. Deshalb nimmt er die rote Pille, als Morpheus
in wählen lässt: diejenige, die ihm schockhaft die Wirklichkeit zeigt und
ihn aus der Matrix befreit, um ihn in der "Wüste der Realität" ankommen zu
lassen. Alles beginnt damit, dass er das Zimmer 101 verlässt - dem Ort
einer Existenz, von der er spürt, dass das unmöglich alles sein kann, die
ihm selbst jedoch keinen Ausgang weist. Zufall? Eher nicht. Zumindest
einer der unzähligen Punkte, an denen Millionen von Menschen weltweit
rätseln, welche der Bedeutungsspuren in Matrix absichtlich gelegt sind und
welche nur der eigenen Vorstellungskraft entspringen.

Das Handbuch zur Matrix

Die eigentliche Pflichtlektüre der Wachowski-Brüder aber dürfte
"Neuromancer" von William Gibson gewesen sein. "Neuromancer" war der erste
Roman des Cyberpunk, der aufsehenerregendsten Richtung in der
Science-Fiction der achtziger und neunziger Jahre. Der Roman spielt in
einem zukünftigen Los Angeles, in dem die Katastrophe einfach darin
besteht, dass es so weitergegangen ist: die Umwelt ist ruiniert, die
Politik vergessen, die Welt wird von einer Handvoll multinationaler
Konzerne kontrolliert. Das weltumspannende Datennetz, in dem die Konzerne
ihr kostbarstes Kapital horten - Informationen -, ist zu einem Ort
geworden, wo Spionage und Verbrechen stattfinden, Diebstahl und sogar
Mord. Denn die Welt der Daten wird nicht mehr auf zweidimensionalen
Monitoren visualisiert, sondern als ein dreidimensionaler, virtueller
Raum, der direkt auf den Sehnerv projeziert wird, indem man sich ein
Elektroden-Set auf die Schläfen setzt. Derart "eingesteckt" (jacked in -
der Begriff, der auch in "Matrix" verwendet wird), bewegt man sich in der
Welt der Daten - dem Cyberspace, oder, wie er auch genannt wird in
"Neuromancer", in der Matrix. Die Matrix in "Neuromancer" ist eine relativ
abstrakte Welt, in der Firmen und Institutionen als Gebäude simuliert
sind, zwischen denen Daten als bunte Pakete fliegen, in der
Sicherheitsprogramme von Virenprogrammen angegriffen werden, die wie
Gewitterwolken aussehen, und in der die teuersten Daten von
Anti-Viren-Programmen umgeben sind, dem sogenannten "Eis". Die
gefährlichste Art davon, "schwarzes Eis", verfolgt den Hacker, der einen
Daten-Raub oder auch nur ein unbefugtes Eindringen versucht, bis zu seinem
Computerdeck zurück und tötet ihn durch einen elektronischen Schock durch
die Elektroden an seinen Schläfen. Der Held der Geschichte, Case, ist im
Verlauf des Romans mehrmals für Sekunden oder gar Minuten hirntot -
während andere hilflos um ihn herumstehen und warten, ob er
"zurückkommt" - wie Trinity, als Neo von den Agenten getötet wird und
"aufersteht".

Case, der Ur-Neo, ist ein Hacker, ein "Consolen-Cowboy", wie es in
Neuromancer heißt, hochqualifiziert aber vergleichsweise naiv, was seine
soziale Erfahrung und seine Auffassung von der Welt anlangt. Seine
Partnerin, Molly, ist eine Auftragskillerin - das Auffallendste an ihr
sind die verspiegelten Gläser einer Sonnenbrille, die fest in ihrem
Gesicht implementiert sind; sie beherrscht diverse fernöstliche
Kampftechniken und besitzt biotechnologisch aufgebesserte Reflexe. Die
Figur des Morpheus in "Matrix" zieht zwei Figuren aus "Neuromancer" in
sich zusammen. Die eine ist der Raumkapitän Maelcum mit seiner
zusammengezimmerten "Macus Garvey" und seiner spirituellen Philosophie,
der einen "Horror vor Kontrolle" hat. Die andere ist der "Finne", eine Art
Hacker-Vaterfigur für Case, der nach seinem Tod als ein "Konstrukt" in der
Matrix weiterlebt und Case deren Funktionieren erklärt. Maelcum gehört zu
den "Zionisten", die das "Babylon" Los Angeles verlassen haben und eine
Raumkolonie namens "Zion" aufgebaut haben - Zion heißt denn auch in
"Matrix" die verborgene Stadt der Rebellen.

Aber die Ansammlung von liebevoll ausgesuchten Einzelheiten aus der
Cyberpunk-Literatur macht noch keinen Cyberpunk-Film. Eigentlich gibt es
fast gar keine Cyberpunkt-Filme. Vielleicht ist "Matrix" der einzige.

"Ich will Zimmerservice!"

1973 drehte Rainer Werner Fassbinder "Welt am Draht" nach dem
gleichnamigen Roman von Daniel F. Galouye. "Welt am Draht" entwickelt
bereits das Motiv, unsere eigene Realität könnte nur eine Simulation
sein - als Ausdruck einer entfremdeten Welt des Sozialen, wo die Menschen
in einem gedächtnis- und beziehungslosen Alltag gehalten werden, der die
Gewalt der Kontrolle schon längst nicht mehr bemerkt. Das Spiel mit der
virtuellen Realität findet sich in so unterschiedlichen Filmen wie
"Project Brainstorm", Oliver Stones TV-Dreiteiler "Wild Palms", bis hin zu
Roland Emmerichs "Das 13. Stockwerk". All dies sind "Cyber"-Filme, aber
keine Cyberpunk-Filme.

Zum "Cyber"-Element muss eben auch das "Punk"-Element hinzutreten, obwohl
diese Bezeichnung nicht ganz treffend ist. Die Charaktere der
Cyberpunk-Romane sind zwar Outsider, aber es sind gefallene Insider:
Menschen, die sich an der Grenze bewegen, für die erfolgreiche Anpassung
und Integration greifbar nahe ist, die es aber nicht ganz schaffen; die
dabei versagen, weil sie mental nicht damit klarkommen. Sie sind
qualifiziert und dennoch marginalisiert. Sie haben nicht einfach Pech, sie
hadern mit der Struktur des Sozialen, die ihnen angeboten wird. Sie sind
zu naiv (wie Case) oder zu zynisch (wie Molly). Typisch ist auch die
Entwicklung der Geschlechterrollen. In vielen Cyberpunk-Romanen wird die
Realität von den Männern nur unzureichend bewältigt, während die Frauen
eine realistischere Orientierung in der aus den Fugen geratenen Welt
besitzen, in der Desillusionierung, Kooperation, Unauffälligkeit, "Deals"
und das Vermeiden emotionaler Abhängigkeit zentrale Überlebensstrategien
sind.

Außerhalb Japans, wo das Subgenre spätestens seit "Ghost in the Shell" ein
Standbein hat, gibt es sehr wenige Filme, die beide Elemente aufweisen und
demzufolge als Cyberpunk-Filme in Frage kommen; sie sind keine
Kassenerfolge und werden von der Kritik massiv unterschätzt. 1995
verfilmte der US-amerikanische Künstler Robert Longo die Novelle
"Vernetzt" von William Gibson unter dem Titel "Johnny Mnemonic". Obwohl
Longo damit die genialste Visualisierung der charakteristischen sozialen
Konstellation des Cyberpunk gelungen ist - Keanu Reeves (!) im schwarzen
Anzug auf einer Müllhalde, der über sein biographisches Scheitern
zusammenbricht und, die Hände zum dunklen Himmel erhoben, schreit: "Ich
will Zimmerservice!" -, fiel der Film völlig durch. Nicht viel besser
erging es der italienischen Produktion "Nirvana" mit Christopher Lambert
und Iain Softleys "Hackers" (1995), immerhin mit Angelina Jolie und Jonny
Lee Miller in den Hauptrollen. Wenigstens Anerkennung, wurde Kathryn
Bigelows "Strange Days" (ebenfalls von 1995) zuteil.

Was "Matrix" von all diesen Filmen unterscheidet - außer, natürlich, der
atemberaubenden Ästhetik und Tricktechnik -, ist die Nutzung zweier
anderer, außerhalb des Cyberpunk stehender Motivtraditionen der
Science-Fiction, durch die "Matrix" eine sensationelle Radikalisierung und
Politisierung des Cyberpunk-Genres gelingt. Es sind dies das Motiv des
Erwachens aus einer bislang als Realität geglaubten Traumwelt in eine
erschreckende "wirkliche Welt", und das Motiv des Androiden, der fehlenden
Identität.

Die Multitude der Androiden

Es ist vor allem Philipp K. Dick, der für das erste Motiv steht. In Dicks
Roman "Irrgarten des Todes" erwachen die handelnden Figuren ganz am Ende
aus der "Handlung", um sich an Bord eines Raumschiffes zu finden, das
ziellos durch den Weltraum treibt. Auch "Mozart für Marsianer" zeigt die
virtuelle Welt als Besänftigung der Menschen in einer lebensfeindlichen
sozialen Wirklichkeit. Ridley Scotts Verfilmung von "Träumen Androiden von
elektrischen Schafen?", der SF-Klassiker "Blade Runner", gehört deshalb
nicht von ungefähr zu den ästhetischen und stilistischen Vorbildern von
"Matrix". "Blade Runner" entwickelt auch das Motiv des Androiden, der als
künstlicher Mensch, als Mensch-Maschine, die mit künstlichen Erinnerungen
ausgestattet wird, gegen seine verordnete Minderwertigkeit rebelliert. Der
"Blade Runner" Deckard, der Androiden jagt und entdeckt, dass er selbst
einer ist, führt eine Existenz, deren soziale Rolle er trägt wie einen
Anzug von der Stange.

Das subversive Potenzial des Androiden-Motivs klingt auch am Schluss von
Steven Soderberghs Neuverfilmung des Stanislav-Lem-Klassikers "Solaris"
an. Chris Kelvin und seine Frau Rheya befinden sich wieder auf der Erde,
und es gibt zwei Möglichkeiten der Deutung. Nach der "normalen",
beruhigenden Deutung ist diese Szene nur eine Vision Kelvins in den
Sekunden seines Todes, eine Nahtod-Halluzination. Die Szene lässt sich
jedoch ebenfalls so deuten, dass Kelvin und Rheya von Solaris geschaffene
Replikationen sind, Scheinwesen, deren biologische Originale beide tot
sind, die jedoch gerade deshalb eine neue, unerkannte Existenz auf der
Erde beginnen. Darin liegt die aufregendste Vision des Androiden-Motivs:
in der bewussten Distanzierung von den nur scheinbaren sozialen Rollen und
Existenzformen, dem "sozialen Tod", der die Möglichkeit vollständiger
innerer Freiheit eröffnet.

"Matrix" bindet diese beiden Motive mit der Cyberpunk-Tradition zusammen
und schafft aus der Kombination eine Vision von ungeheurer Wucht und
politischer Brisanz. Die gesamte alltägliche Realität wird als unwirklich
erklärt; doch dieses Erwachen ist kein frustrierter Endpunkt, sondern der
neue Ausgangspunkt für den Kampf gegen das System der Entfremdung,
Manipulation und unsichtbaren Gewalt. Der Ort dieses Kampfes ist die
Matrix selbst: die Erkenntnis der sozialen Rolle als Scheinidentität, als
"virtuell", ermöglicht es, die Regeln "zu biegen und zu brechen" und das
System zu bekämpfen; und die Hoffnung liegt darin, dass dies eine
spezifisch humane Fähigkeit ist, der das System trotz seiner extremen
Anhäufung von Machtmitteln in gewissem Sinn nichts entgegen zu setzen hat.

Damit aber verlassen wir endgültig das Terrain des Cyberpunk und betreten
das Terrain eines vieldiskutierten Buches, das sich mit politischer
Theorie beschäftigt: "Empire" von Toni Negri und Michael Hardt. Es ist
genau diese Vision, von der "Empire" handelt: das gesellschaftliche
Herrschaftssystem ist total, es gibt kein "draußen"; gleichzeitig aber
herrscht in ihm das allseitige Gefühl der Scheinhaftigkeit, der fehlenden
Verwirklichung, der Unzugehörigkeit vor. Dies ist keine Angelegenheit
eines empirisch benennbaren sozialen Subjekts mehr (einer "revolutionären
Klasse" o.ä.), sondern ein allgemeiner Zustand, den sich die Gesamtheit
der menschlichen "Multitude" teilt, die allesamt mehr oder minder hybride
Androiden-Existenzen führen. Eine Alternative zur bestehenden Realität des
Sozialen ist gleichermaßen unendlich fern und unendlich nah, unendlich
ausgeschlossen und unendlich möglich. Es müssen nur genügend aufwachen.

Literatur:

Ingrid Lohmann, Cognitive Mapping im Cyberpunk. In: Mayerhofer/Spehr
(Hg.), Out of this world! Science-Fiction, Politik & Utopie, Hamburg 2002.
William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie, Ausgabe in einem Band
Willaim Gibson: Vernetzt. Erzählungen
Bruce Sterling: Schismatrix
John Shirley: Eclipse
Antonio Negri und Michael Hardt: Empire.

--

Christoph Spehr, Historiker, lebt in Bremen. Mitarbeiter der "alaska -
Zeitschrift für Internationalismus". Organisiert vom 27.-29.6.2003 zum
dritten Mal den Kongress "Out of this world - Science-Fiction, Politik,
Utopie" in Bremen (www.outofthisworld.de). Veröffentlichungen: Die Aliens
sind unter uns! Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter,
München 1999; Gleicher als andere. Eine Grundlegung der freien
Kooperation, Berlin 2003.